Ich bin ja mitten in einer spannenden Reise der Ahnenforschung unterwegs, und auch wenn Tante Erna nicht blutsverwandt mit der Familie Lang oder der Familie Jung aus Völklingen war, sondern eingeheiratet, so wurde sie uns dennoch über meine Mutter zur Ersatz-Oma. Doch wir nannten sie nie so. Für uns war sie immer nur: Tante Erna. Nachdem meine Mutter im zarten Alter von 10 und 11 Jahren hintereinander beide Elternteile verloren hatte, wurde sie von der Ehefrau ihres Onkels Fritz aufgenommen und großgezogen. Eigentlich also eine wirkliche Oma. Aber weil meine Mutter sie „Tante Erna“ nannte, taten wir es auch – wir Kinder, drei Mädchen und ein Junge.
Zurück zu Tante Erna. Das Bemerkenswerteste, das mich in Verbindung mit ihr immer wieder aufs Neue berührt, ist Folgendes: Sie sagte, nicht klagend, dass sie ja bestimmt nicht mehr so lange zu leben habe, weil sie so dick sei und auch krank – sie hatte nahezu die gleiche Figur, wie man es von den Venus-Figurinen kennt. Aber sie wollte mindestens nur noch so lange leben dürfen, bis ich mein erstes Kind zur Welt gebracht haben würde. Sie wiederholte es sehnsüchtig und lächelte dabei zuversichtlich. Ihr Wunsch erfüllte sich leider nicht. Doch mein Sohn kam – sage und schreibe – genau an ihrem Geburtstag zur Welt: an einem 21. April. Ja, bestimmt denkt so mancher daran, dass dies auch der Geburtstag von Queen Elizabeth war.
Und weil es gerade passt: Meine Schwester S. hat am gleichen Tag Geburtstag wie der damalige Prinz Charles. Eigentlich unwichtig – und doch berührt es einen, vor allem, weil S. die Patentante meines Sohnes wurde.
Zum Zeitpunkt seiner Geburt hatte ich keine Ahnung, wann wer von den bekannten Persönlichkeiten geboren wurde. Ich las nie Klatschspalten. Und bei der Namensgebung dachte ich interessanterweise an einen Partnernamen zu „Elisabeth“, wie ich selbst heiße. Ich sah die Queen vor meinem inneren Auge, und sofort fiel mir Philip ein – aber ich wollte die französische Form: Philippe. Viele Jahre später erst erfuhr ich vom Geburtstag der Queen, ebenfalls dem 21. April. Ich gab ihm – weil ich mich nicht entscheiden konnte – die Vornamen Philippe David Matthias, in der Überlegung, dass er sich später selbst den liebsten aussuchen möge. Die Bedeutungen las ich nach: Philippe = Pferdefreund; David = Freund oder von Gott Geliebter; Matthias = Geschenk Gottes. Er entschied sich später – und nicht für Philippe.
Tante Erna war in ihren jungen Jahren Modistin. Das erfuhr ich in einer Unterhaltung, zu der ich den Anstoß gab, weil ich mir eines Tages am Küchentisch überlegte, dass ich von dieser Frau eigentlich sehr wenig wusste. Ihre knappe Antwort warf plötzlich ein ganz neues Licht auf sie. Ich dachte mir, dass diese ruhige Oberfläche ihres zurückhaltenden Wesens in Wahrheit viel tiefer ging. Ich sah sie mit neuen Augen. Für wen sie wohl alles Hüte designt haben mochte? Ich fragte nicht nach. Das war also unsere Tante Erna, die – wie wir es immer hörten – Zwillinge geboren habe, die aber gestorben seien. Sie hatte einen der Brüder des Vaters meiner Mutter geheiratet und damit in eine alte Dachdeckerfamilie in Völklingen eingeheiratet. Dieser Mann starb wohl früh, und später heiratete sie noch einmal. Weshalb sie später allein blieb, als sie fest bei uns wohnte – ob der zweite Mann ebenfalls starb oder es eine Scheidung gab – weiß ich nicht mehr. Sie hatte es mir bestimmt einmal erzählt, aber wie ich mich kenne, habe ich es verdrängt.
Wir drei Mädchen liebten sie über alles. Sie war still, sehr gutmütig, offen für jedes Gespräch. Und als sie gestorben war, träumten meine beiden Schwestern und ich noch sehr lange, Jahre lang, seltsam echt, als sei alles real. Weitaus unterschiedlicher als jeder andere Traum. Auch heute noch kommt es manchmal vor, aber nur noch selten.
Tante Erna war, wie ich meine, aus Birkenfeld oder Idar‑Oberstein. Ich habe die Erzählungen noch im Ohr über die Evakuierung während des Zweiten Weltkriegs von Völklingen dorthin. Oder sie nannten es privat nur so, „weil die Familie von Tante Erna, wie ich es erinnere, von dort gewesen war“. Aber das ist Spekulation.
Erna K. war wohl ihr Mädchenname, (nur hier abgekürzt, wobei ich erst nachfragen sollte, ob ich den vollen Namen ausschreiben darf), weil ihr Bruder ja auch K. mit Familienname hieß. Sie erzählte gerne von ihrem Bruder Walter und davon, dass es den großen und den kleinen Walter gebe, also Vater und Sohn. Ich lernte ihre Familie K. das erste Mal als Kind kennen, vielleicht mit vier oder fünf Jahren. Sie besuchten damals Tante Erna, die auch zu dieser Zeit schon fest bei uns wohnte. Das Thema, an das ich mich noch erinnere, war selbstgemachte Kartoffelwurst, die die Frau des großen Walter meiner Mutter in höchsten Tönen anpries und erklärte, wie man sie macht.
Und dann, ein Jahr vor Tante Ernas Tod, war ich auf einer großen Familienfeier zu ihrer Ehre an ihrem Geburtstag eingeladen. Eigentlich nur ich, wie mir heute auffällt. Ich erinnere mich jedenfalls nicht daran, dass meine Mutter, mein Vater oder sonst jemand aus meiner Familie anwesend gewesen wäre. Was mir aber deutlich in Erinnerung blieb, ist, dass die Frau des großen Walter, also die Schwägerin von Tante Erna, mich plötzlich von der Seite ansprach mit den seltsamen Worten, dass ich ja wirklich hübsch sei, dass ich aber nicht mit der Schönheit meiner Mutter von damals mithalten könne. Das traf mich – aber gleichzeitig auch angenehm. Ich schwankte zwischen diesen Gefühlen und merkte, was es da wohl für einen Vergangenheitsschwanz gegeben haben musste, von dem ich keinerlei Ahnung hatte. Wäre meine Mutter anwesend gewesen, hätte ich – wie es zu mir passt – geschlussfolgert, dass G., die Frau vom großen Walter, es eher als Kompliment um die Ecke an meine Mutter gerichtet hätte. Aber sie sprach nur mich an und meinte auch nur mich.
Warum wurde meine damals 11‑jährige Mutter ausgerechnet von Tante Erna aufgenommen und großgezogen? Heute denke ich es mir so: Meine Mutter war nach ihren eher traurigen Erzählungen eigentlich Erbin eines kleinen Vermögens von, wie sie erzählte, 40.000 „was auch immer es für eine damalige Währung war). Als sie die Eltern verlor, standen – auch gemäß Erzählung – die Tanten auf der Matte, um die Erziehung zu übernehmen. Das Geld landete schließlich oder offensichtlich bei einem der Brüder ihres verstorbenen Vaters, und Tante Erna war es dann, die meine Mutter aufziehen sollte oder durfte. Ob ihre Familie ihr davon abriet oder es unterstützte oder was auch immer damit zu tun hatte, weiß ich nicht und kann es nicht behaupten. Aber ich weiß, dass Tante Erna, seit ich sie kannte, nie irgendwo gearbeitet hatte, sondern – wenn meine Mutter arbeiten ging – zuhause wie unsere Oma auf uns aufpasste. Woher also ihr Einkommen, zumal sie edle Kleidungsstücke im Schrank hatte, die sie mir einmal stolz zeigte?
Vermutlich, was sonst, aus der Rente ihres Mannes, dem Bruder F. des Vaters meiner Mutter. Ich nenne diesen nicht Opa, weil ich beide Elternteile meiner Mutter nie kennenlernen konnte, da sie lange vor meiner Geburt schon – noch vor Kriegsende – gestorben waren.
Ich muss das alles nicht wirklich wissen; es beschäftigt mich nur – witzig, nach so vielen Jahren neu. Ähnlich wie man die richtigen oder passenden Puzzleteilchen eines vor langer Zeit angefangenen Bildes sucht und nicht weiß, ob, wie oder wo sie sich überhaupt noch finden lassen.